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Open Source statt SaaS-Falle

Open Source statt SaaS-Falle Warum Baugenossenschaften bei der Digitalisierung auf offene Lösungen setzen sollten – und was das mit genossenschaftlicher Selbstbestimmung zu tun hat


Es beginnt fast immer gleich. Eine Baugenossenschaft beschließt, ihre Prozesse zu digitalisieren. Der Vorstand hat verstanden, dass es nicht mehr reicht, Schadensmeldungen per Fax entgegenzunehmen und die Mitgliederkommunikation über Rundschreiben abzuwickeln. Also wird recherchiert. Und sehr schnell landet man bei den großen Namen: Plattformen, die alles versprechen – Website, Mitgliederportal, Dokumentenmanagement, Ticketsystem, App, Newsletter, Analytics. Ein Anbieter, ein Login, ein monatlicher Preis. Klingt einfach. Klingt vernünftig. Klingt nach einer Lösung.

Es ist keine. Oder genauer: Es ist eine Lösung, die ein Problem erzeugt, das größer ist als jenes, das sie löst. Aber das merkt man erst später.

Das Geschäftsmodell hinter dem Komfort

Um zu verstehen, warum Software-as-a-Service für Baugenossenschaften ein problematisches Modell ist, muss man verstehen, wie SaaS funktioniert – nicht technisch, sondern ökonomisch.

Ein SaaS-Anbieter verkauft keine Software. Er vermietet Zugang. Die Genossenschaft zahlt monatlich oder jährlich für die Nutzung einer Plattform, die sie weder besitzt noch kontrolliert. Die Daten liegen auf fremden Servern. Die Funktionalität wird vom Anbieter bestimmt. Die Preise werden vom Anbieter festgelegt – und angepasst, wann immer der Anbieter es für angemessen hält. Die Genossenschaft ist Mieterin einer digitalen Infrastruktur, über die sie keinerlei Verfügungsgewalt hat.

Die Ironie daran dürfte niemandem entgehen, der das genossenschaftliche Prinzip verinnerlicht hat. Eine Organisation, die existiert, weil ihre Gründer die Abhängigkeit von fremden Vermietern beenden wollten, begibt sich bei ihrer wichtigsten Zukunftsinvestition freiwillig in genau diese Abhängigkeit. Nur dass der Vermieter diesmal kein Grundstückseigentümer ist, sondern ein Softwarekonzern.

Die Mechanik ist dabei stets dieselbe. Am Anfang ist der Preis attraktiv – Einstiegsangebote, Rabatte für gemeinnützige Organisationen, manchmal sogar kostenlose Testphasen. Dann wächst die Nutzung. Mehr Mitglieder loggen sich ein, mehr Prozesse laufen über die Plattform, mehr Daten werden dort gespeichert. Und mit jedem Monat steigt nicht nur der Nutzen, sondern auch die Abhängigkeit. Irgendwann ist die Plattform so tief in die Arbeitsabläufe eingewachsen, dass ein Wechsel praktisch nicht mehr in Betracht kommt. Nicht weil die Software so gut ist. Sondern weil die Wechselkosten so hoch sind.

Genau in diesem Moment beginnen die Preise zu steigen. Zehn Prozent im ersten Jahr. Fünfzehn im zweiten. Eine neue Preisstufe, weil eine Funktion, die bisher enthalten war, jetzt als Premium-Feature gilt. Ein neues Lizenzmodell, das plötzlich pro Nutzer statt pro Organisation abrechnet. Für eine Genossenschaft mit 2.000 Mitgliedern und 30 Mitarbeitern kann sich die monatliche Rechnung binnen weniger Jahre verdoppeln oder verdreifachen – ohne dass sich an der Leistung etwas Wesentliches geändert hat.

In der Softwarebranche hat das einen Namen: Vendor Lock-in. In der genossenschaftlichen Welt sollte es einen anderen haben: Fremdbestimmung.

Was Open Source anders macht

Open-Source-Software basiert auf einem fundamental anderen Prinzip. Der Quellcode ist öffentlich zugänglich, einsehbar, veränderbar. Die Software gehört nicht einem Unternehmen – sie gehört allen, die sie nutzen und weiterentwickeln. Es gibt keine Lizenzgebühren pro Nutzer. Es gibt keine Preiserhöhungen nach Gutdünken eines Anbieters. Es gibt keine künstlichen Beschränkungen, die nur dazu dienen, den Kauf einer teureren Version zu erzwingen.

Das bedeutet nicht, dass Open Source kostenlos ist. Es bedeutet, dass die Kosten anders verteilt sind – und dass die Genossenschaft die Kontrolle behält. Statt monatlicher Lizenzgebühren investiert man in die Einrichtung, Anpassung und Wartung der Software. Statt eines Anbieters, der die Bedingungen diktiert, hat man einen Dienstleister, der die Lösung betreut – und den man wechseln kann, ohne seine Daten und Strukturen zu verlieren. Die Software bleibt. Das Know-how bleibt. Die Unabhängigkeit bleibt.

Für Baugenossenschaften hat das eine besondere Relevanz, die über das rein Finanzielle hinausgeht. Eine Genossenschaft ist eine Selbstverwaltungsorganisation. Ihre Mitglieder entscheiden gemeinsam über ihre Angelegenheiten. Dieses Prinzip der Selbstbestimmung endet nicht an der Grenze zur IT. Eine Genossenschaft, die ihre digitale Infrastruktur nicht kontrolliert, gibt einen Teil ihrer Selbstverwaltung ab – still, schleichend und oft unbemerkt, bis es zu spät ist.

Konkret: Wo Open Source in der Genossenschaft wirkt

Die abstrakten Vorteile werden greifbar, wenn man sie auf die konkreten Bedarfe einer Baugenossenschaft herunterbricht.

Die Website – für die meisten Genossenschaften der erste und wichtigste digitale Berührungspunkt. Proprietäre Baukastensysteme locken mit Einfachheit, binden aber an eine Plattform und begrenzen die Gestaltungsmöglichkeiten. Open-Source-Content-Management-Systeme wie WordPress oder TYPO3 bieten dasselbe Ergebnis – professionell, barrierefrei, erweiterbar – ohne die Abhängigkeit. Die Genossenschaft besitzt ihre Website tatsächlich, nicht nur im übertragenen Sinne.

Das Mitgliederportal – ein Bereich, in dem Genossenschaften besonders sensible Daten verwalten: persönliche Informationen, Verträge, Abrechnungen, Korrespondenz. Gerade hier ist die Frage der Datenhoheit entscheidend. Eine Open-Source-Lösung, die auf eigenen oder vertrauenswürdigen europäischen Servern betrieben wird, gibt der Genossenschaft die volle Kontrolle darüber, wo die Daten ihrer Mitglieder liegen und wer darauf Zugriff hat. In Zeiten der DSGVO ist das nicht nur eine technische Präferenz – es ist ein Vertrauensversprechen.

Digitale Formulare und Ticketsysteme – Schadensmeldungen, Anfragen, Terminvereinbarungen. Die Standardlösung vieler SaaS-Anbieter ist ein geschlossenes System mit monatlicher Gebühr pro Nutzer. Open-Source-Alternativen bieten identische Funktionalität, lassen sich exakt an die Arbeitsabläufe der jeweiligen Genossenschaft anpassen und kosten nach der Einrichtung nur noch den laufenden Betrieb.

KI-gestützte Werkzeuge – Chatbots für Mitgliederanfragen, automatische Übersetzung, intelligente Dokumentenverarbeitung. Gerade im Bereich der künstlichen Intelligenz ist die Versuchung groß, auf die bekannten Cloud-Dienste zurückzugreifen. Aber auch hier gibt es inzwischen leistungsfähige Open-Source-Modelle, die lokal oder auf eigener Infrastruktur betrieben werden können. Die Genossenschaft nutzt die Technologie, ohne ihre Daten einem Drittanbieter zu überlassen. Und sie zahlt nicht pro Anfrage, sondern investiert einmal in die Einrichtung.

Die Kostenfrage – ehrlich gerechnet

Der häufigste Einwand gegen Open Source lautet: Es sei am Anfang teurer. Und oberflächlich betrachtet stimmt das. Die Einrichtung einer maßgeschneiderten Open-Source-Lösung erfordert mehr Initialaufwand als das Anlegen eines Kontos bei einem SaaS-Anbieter. Es braucht Beratung, Konzeption, Entwicklung, Einrichtung. Das sind reale Kosten, die anfallen, bevor die erste Schadensmeldung über das neue System eingereicht wird.

Aber die ehrliche Rechnung sieht anders aus. Eine mittelgroße Genossenschaft, die für Website, Mitgliederportal, Formularsystem und Newsletter-Tool jeweils auf SaaS-Anbieter setzt, zahlt schnell 2.000 bis 5.000 Euro monatlich – Tendenz steigend, denn SaaS-Preise steigen praktisch ausnahmslos. Hochgerechnet auf fünf Jahre sind das 120.000 bis 300.000 Euro, ohne dass der Genossenschaft am Ende irgendetwas gehört. Kein Code. Keine Daten in eigener Infrastruktur. Kein Wissen, das im Haus bleibt.

Eine vergleichbare Open-Source-Infrastruktur kostet in der Einrichtung möglicherweise 30.000 bis 60.000 Euro. Dazu kommen jährliche Wartungs- und Betreuungskosten, die typischerweise bei einem Bruchteil der SaaS-Gebühren liegen. Nach drei bis vier Jahren hat sich die Investition amortisiert. Und danach spart die Genossenschaft – nicht in der Theorie, sondern auf dem Konto.

Entscheidend ist dabei weniger die absolute Höhe der Einsparung als vielmehr die Planbarkeit. SaaS-Kosten sind variabel und fremdbestimmt. Open-Source-Kosten sind kalkulierbar und selbstbestimmt. Für eine Genossenschaft, die ihren Mitgliedern gegenüber zur wirtschaftlichen Rechenschaft verpflichtet ist, ist das kein marginaler Unterschied.

Warum der Markt das nicht von allein regelt

Wenn Open Source so offensichtlich überlegen ist – warum setzen dann nicht längst alle Genossenschaften darauf? Die Antwort hat weniger mit Technologie zu tun als mit Vertrieb.

SaaS-Anbieter investieren massiv in Marketing. Sie haben Vertriebsteams, Partnerschaftsprogramme, Messestände, Webinare, Testzugänge. Sie machen es so einfach wie möglich, ja zu sagen. Open-Source-Lösungen haben das nicht. Sie haben keinen Vertrieb, weil es niemanden gibt, der an ihrem Verkauf verdient. Sie haben Communitys statt Marketingabteilungen. Sie überzeugen durch Qualität, nicht durch Verkaufsgespräche.

Das bedeutet: Eine Genossenschaft, die sich ohne spezialisierte Beratung auf die Suche nach digitalen Lösungen macht, wird mit überwältigender Wahrscheinlichkeit bei einem SaaS-Anbieter landen. Nicht weil SaaS besser ist, sondern weil SaaS lauter ist. Der Markt regelt hier gar nichts – er verzerrt.

Hinzu kommt, dass die meisten Digitalagenturen und IT-Dienstleister, die in der Wohnungswirtschaft tätig sind, ihrerseits auf proprietäre Systeme setzen. Der Grund ist ökonomisch nachvollziehbar: An einer SaaS-Vermittlung verdient der Dienstleister Provision. An einer Open-Source-Einrichtung verdient er einmal. Das Geschäftsmodell der meisten Berater belohnt die Empfehlung von Abhängigkeit, nicht von Unabhängigkeit.

Genossenschaften brauchen deshalb Partner, die anders denken. Partner, deren Geschäftsmodell nicht auf Lizenzprovisionen aufbaut, sondern auf Kompetenz. Die nicht davon leben, dass der Kunde abhängig bleibt, sondern davon, dass er befähigt wird. Die den Unterschied zwischen einer Lösung, die man mietet, und einer Lösung, die man besitzt, nicht als technisches Detail behandeln, sondern als Grundsatzfrage.

Digitale Souveränität als genossenschaftliches Prinzip

Es gibt ein Wort, das in der politischen Debatte über Technologie immer häufiger fällt: digitale Souveränität. Gemeint ist die Fähigkeit, über die eigene digitale Infrastruktur selbst zu bestimmen – unabhängig von einzelnen Anbietern, unabhängig von deren Geschäftsinteressen, unabhängig von Entscheidungen, die in Konzernzentralen am anderen Ende der Welt getroffen werden.

Für Baugenossenschaften ist digitale Souveränität kein abstraktes politisches Konzept. Sie ist die logische Fortsetzung des genossenschaftlichen Grundprinzips: Selbsthilfe, Selbstverwaltung, Selbstverantwortung. Eine Genossenschaft, die ihre Wohnungen besitzt statt zu mieten, sollte auch ihre Software besitzen statt zu mieten. Eine Genossenschaft, die ihren Mitgliedern Mitbestimmung über die Verwaltung einräumt, sollte auch über ihre digitale Verwaltung selbst bestimmen können.

Open Source macht das möglich. Nicht als technologische Spielerei, nicht als ideologisches Statement, sondern als wirtschaftlich vernünftige, strategisch kluge und genossenschaftlich konsequente Entscheidung.

Die Frage ist nicht, ob sich Genossenschaften die Investition in Open Source leisten können. Die Frage ist, ob sie sich die Abhängigkeit von SaaS auf Dauer leisten wollen.